Master Konzeptionelles Entwerfen


IRGE + IGMA

February 10, 2013

Tractatus Decorum


Gerd de Bruyn
Architektur und Haus. Fassade versus Skulptur

1. in der Moderne ist es weiterhin legitim, nicht bloß über Schönheit zu reden, sondern Schönheit zu fordern;

2. in der Moderne ist es nicht erlaubt, Schönheit in allen Sphären zu fordern, da die moderne Kunst das Schöne nicht für wichtiger hält als das Hässliche. Ähnliches gilt für die Wissenschaft und andere Bereiche. Dennoch kann nicht behauptet werden, dass es zu einer Relativierung des Schönen gekommen ist, weil es

3. in der Moderne komfortable Überlebenszonen des Schönen gibt: im Museum, Konzertsaal, in Theater, Oper und überall, wo die traditionellen Künste, die ja auch die “Schönen Künste“ genannt werden, praktiziert werden. Die Konservierung und Aktualisierung vormoderner Kunst ist ein typisches Merkmal der Moderne. Doch noch typischer ist für sie, dass die Werke der Avantgardisten nicht mehr schön und die Gegenstände des täglichen Gebrauchs nicht mehr hässlich sein wollten. Künstler fanden die Ästhetik des Schönen fad, und moderne Menschen gruselte die Verzierung von Messer und Gabel. Auf diese Weise kam es

4. zu einer tief greifenden Umwertung in Kunst und Alltag, wobei das Praktische zum Schönen und das Hässliche – Dissonanzen in der Musik, schrille Farbe in der Malerei, schockierende Sujets in der Literatur – für kunstwürdig erklärt wurde. (Dass in der sog. Postmoderne die Schönheit wieder in die Kunst und das Ornament in die Architektur zurückkehren durften, ändert nichts daran, dass sie Vertriebene waren und ihnen das Stigma der Vertreibung weiter anhaftet.)

5. Was bedeutete diese Umwertung für die Architektur? Sollte sie keine Kunst mehr sein, dafür schön und zweckmäßig? Oder sollte sie eine Kunst bleiben, “hässlich“ und unpraktisch werden dürfen? Die Antwort lag auf der Hand. Wir fragen dennoch:

6. Konnte das Bauen die Entscheidung, keine Kunst mehr zu sein, treffen, ohne das Recht zu verlieren, Architektur genannt zu werden? Nein! Die Architektur trennt ja gerade der Umstand, dass sie eine Kunst und eine Wissenschaft ist, vom Bauen, das “nur“ ein Handwerk ist.

7. Wir fragen außerdem: wieso ging man davon aus, dass sich die Architektur zwar vom traditionellen Schönheitsbegriff lösen, aber nicht ästhetisch autonomisieren lässt? Den, der das behauptete, kennen wir: Adolf Loos. Doch haben wir auch verstanden, was er damit meinte?

8. Dem Gegensatz von Kunst und Architektur, den Loos proklamierte, korrespondiert die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit. Beides sah er als konstitutiv für die Moderne an. Loos war davon überzeugt, dass die Menschen umso moderner sind, desto konsequenter sie Architektur von Kunst und Öffentlichkeit von Privatheit zu trennen wissen. Heute denken wir anders darüber. Darum behaupte ich:

9. Die Konfrontation von Privatheit und Öffentlichkeit ist ein modernes Phänomen, aber es interessiert uns daran nicht mehr der Widerspruch, sondern die Verfransung und ständige Verschiebung ihrer Grenze. In der Mediokratie hat die Frage, wie viel Privatheit verträgt die Öffentlichkeit, längst das Problem verdrängt, wie die Privatsphäre am besten vor der Öffentlichkeit geschützt werden kann. Genau dieses Problem aber lag Loos am Herzen. Darum schlug er vor:

10. Ein Haus habe zwei Aufgaben zu erfüllen: es müsse unsere in der Privatsphäre sich ungeschützt äußernde Individualität verbergen und zugleich unsere soziale Identität bzw. Zugehörigkeit zur Gesellschaft ausdrücken. Dies gelinge einem Haus aber nur, wenn es grundsätzlich trenne zwischen Innen und Außen.

11. Im Innern seiner Häuser reagierte Loos auf die Individualität der Bauherren mit dem Raumplan, d. h. einer praktischen Architektur, die es aushalten sollte, dass sich der eine mit Biedermeiermöbel einrichtet und der andere “hässliche“ Kunst aufhängen will. Loosens Credo lautete: werden die Menschen immer selbstbewusster, muss die Architektur sich in Zurückhaltung üben. Anders verhält es sich mit dem unpersönlichen Habitus, den wir in der Öffentlichkeit annehmen. Ihn beantwortete Loos daher mit einer künstlerischen Architektur. Warum widersprach er sich in diesem Punkt? Die Antwort lautet:

12. Loos wurde seinen Grundsätzen nicht untreu. Man muss hierzu wissen, dass er scharf zwischen moderner und vormoderner Kunst unterschied und mit seinem Diktum, Architektur sei keine Kunst, nur die Festlegung treffen wollte, dass ein Haus kein modernes Kunstwerk sein kann. Das heißt aber nicht, dass es kein vormodernes Kunstwerk sein darf. Das darf es sehr wohl. Zwar nicht in seinem Inneren, das dem modernen Leben Raum geben soll, aber in seinem Äußeren, wo es seinen repräsentativen Pflichten nachkommt. Zur Straße sollte die Architektur eine vormoderne Kunst bleiben. Aber keine Fassadenkunst wie im 19. Jahrhundert.

13. Bei der Erfüllung der repräsentativen Aufgaben der Architektur gerierten sich Loos und viele andere Protagonisten des Neuen Bauens als Klassizisten. Der Klassizismus half, den vormodernen Kunstcharakter der Architektur in die Moderne zu retten und verhinderte zugleich, dass ihre Schauseite “hässlich“ wurde im Sinne der modernen Kunst. Damit war der Beweis erbracht, dass das Neue Bauen modern ist und weiterhin Architektur genannt werden darf.

14. Überdies entpuppte sich der Klassizismus als ein ambivalentes Phänomen. Er propagierte nicht nur einen an der Antike geschulten Schönheitsbegriff, sondern stand bereits auf der Schwelle zur Moderne. Zum einen, weil er den Eindruck zeitloser Ästhetik erweckte, und zum andern, weil er sich schon früh aus der Decorum-Debatte verabschiedet hatte, und zwar in beiderlei Hinsicht:
– ästhetisch, indem er Ornament und Proportion denunzierte, und
– ethisch, indem er die Frage der Schicklichkeit ignorierte.

15. Die Frage, welcher Zierrat sich für welches Gebäude schickt, war der Ständegesellschaft geschuldet. Sie verlor in der Aufklärung rapide an Einfluss. Das ästhetische Produkt der Aufklärung war der Klassizismus, für den das nachlassende Interesse am Dekor typisch ist und mehr noch das, was daraus resultierte: die Abwertung der Fassade und Aufwertung des Baukörpers. Dessen Emanzipation zum skulpturalen Objekt ist die wohl bedeutendste und fragwürdigste Errungenschaft des Klassizismus (und Palladianismus). Warum fragwürdig?

16. Loos hatte zwar erkannt, dass die Ästhetik des Klassizismus seine Forderung nach einer allgemein verbindlichen Schönheit einlöste, in der wir unsere Übereinstimmung mit der Universalität der modernen Kultur zum Ausdruck bringen. Er hat aber nicht gesehen, dass auf diese Weise ein Problem an die moderne Architektur vererbt wurde. Wir können es so beschreiben: Die ästhetische Autonomisierung des Baukörpers gelingt umso besser, desto mehr man ihn aus seiner gewachsenen Umgebung herauslöst. Tatsächlich ging die skulpturale Aufwertung der Architektur mit der Stärkung ihrer stadtfeindlichen Gene einher.

Fazit: Aus diesem Dilemma ziehen viele den Schluss, wir sollten wieder vermehrt auf die Schönheit der Fassade achten, um unsere technisch und funktional modernisierte Architektur nicht aus ihren topografischen und urbanen Kontexten zu katapultieren. Die künstlerische Aufwertung der Fassade wird aber genauso zur Autonomisierung der Architektur beitragen, wie ihre Emanzipation zur Skulptur. Wir werden uns nicht auf ein allgemein verbindliches Decorum einigen können – das war schon den Historisten verwehrt. Es ist im Gegenteil so, dass die popkulturell motivierte Radikalveröffentlichung des nach Aufmerksamkeit gierenden Subjekts die Pseudoindividualisierung der Fassaden nach sich zieht. Die Städte werden immer bunter. Wie in der Frühgeschichte des Menschen spiegelt sich auch im Spätkapitalismus die Tätowierung der Körper in der Ornamentierung der Hütten. Auf diese Weise kommt es zu ästhetischen Kodifizierungen, die damals den Riten und heute der Mode gehorchen. Mit dem Unterschied, dass Riten langlebig sind und Moden rasch altern.

Meine Prognose lautet: So wie Semper darüber zürnte, dass er mit dem Polychromiestreit eine Welle bunter Architekturentwürfe ausgelöst hatte, könnten wir uns schon bald darüber ärgern, eine “reichhaltigere Kultur der Fassade“ gefordert zu haben. Das wäre aber nicht weiter schlimm, da ein ambitioniertes Bauen, das den Kunstanspruch der Architektur erfüllt, indem es sie autonomisiert, dem Stadtraum nicht schadet.

Ich halte es für unerlässlich, dass die Architektur in der Moderne ihren Kunstanspruch nicht aufgibt, weil sie sich sonst abschafft. Eine Kunst bleibt sie aber nur dann, wenn sie sich auf die eine oder andere Weise ästhetisch autonomisiert. Klug wäre es, wenn das Primat der Fassade eher in der Stadt und das Primat der Skulptur vor der Stadt gelten würde, doch soll uns auch der umgekehrte Fall nicht dazu verleiten, beides gegeneinander auszuspielen.

Denn es ist nicht die Konkurrenz unterschiedlicher ästhetischer Strategien, die uns Sorgen bereiten sollte. Ich sehe nicht, dass eine popkulturell aus dem Ruder laufende Fassadenkunst in Kumpanei mit einer eigensinnig auftrumpfenden Baukörperkunst Städte zerstört. Sie verstören uns – das ja, aber das ist auch notwendig, da sie niemals Überhand nehmen werden, während wir Gefahr laufen, uns mit historisierenden Fassaden über die ästhetische Verödung des neoliberalen Sprawls hinwegzutrösten…


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